KONTAKT

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Art von Frei
Brunnenstr. 187
10119 Berlin
T +49 (0) 30 47 59 54 50
info@artvonfrei.gallery

Öffnungszeiten
Dienstag - Freitag: 12 - 18 Uhr
Saturday: 12 - 16 Uhr
+ Besuch nach Vereinbarung

Wegbeschreibung
Direkt gegenüber der U8 Haltestelle Rosenthaler Platz Ausgang Brunnenstraße. Zwischen Torstrasse und Invalidenstrasse.

 

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Brunnenstraße 187
10119 Berlin

+493047595450

Art von Frei is a gallery for contemporary art based in Berlin Germany. Represented artist include Jim Avignon,  Fehmi Baumbach, Aviv Benn, Sascha Boldt, Jos Diegel, Thomas Draschan, Ottmar Hoerl, Ruth Luxenhofer, Eva Moll, Jens-Ole Remmers, Ann Schomburg

Jos Diegel

JOS DIEGEL

In seiner Kunst spielt und unterhält Jos Diegel mit Themen über sozial-politische Fragen und normative Erzählstrukturen. Für ihn ist sein Gesamtkunstwerk, eine glückliche und a-disziplinäre experimentelle Wissenschaft, in der er mit den Mitteln von Film, Installation, Malerei, Aktionskunst und Literatur Situationen verhandelt und konstruiert. 

• Lebt und arbeitet in Offenbach und Berlin

• Studierte bis 2010 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach mit Diplom bei bei Prof. Rotraut Pape (Film/Video), Prof. Adam Jankowski (Malerei) und Prof. Burghart Schmidt (Sprache & Ästhetik).

• Präsentierte Arbeiten im Rahmen von Festivals wie Berlinale Berlin, European Media Art Festival, Osnabrück, Videonale, Bonn, Perspektive-Filmfestival der Menschenrechte, Nürnberg, DokFest, Kassel, Arse Elektronika, San Francisco, Athens Video Art Festival, Athen, Art Today Foundation Art Week, Plovdiv

• Ausstellungen, Filmvorführungen und Performances an zahlreichen Orten, u.a. Cabaret Voltaire Zürich, Lodge Gallery New York, Galerie 5020 Salzburg, Berliner Kunstsalon, Galerie Greulich Frankfurt, Kunstraum Pro Arte, Hallein, Visual Voice Gallery Montreal, Kunstraum Dreieich, Challery Wien, Centre for the Arts Goa, Galerie KUB Leipzig, Deutsches Filmmuseum Frankfurt, Zentrum für Medienkunst Werkleitz Halle, Künstlerhaus Wien, Kunstmuseum Bonn, Center For Contemporary Art Plovdiv

• Vorträge und Aktivitäten u.a. an der Merz Akademie, Stuttgart, Binghamton University, Binghamton, Noisebridge Hackerspace, San Francisco, Xin Dan Wei, Shanghai und beim Filmfest Court Métrages, Clermont Ferrand

• Theaterproduktionen im u.a. Mousonturm Frankfurt, Badisches Staatstheater Karlsruhe, Schauspiel Frankfurt, Ringlokschuppen, Mülheim a. R. und Theater Gessnerallee Zürich

• KUNSTPREISE: 2015 Theater – Young Artists in Residence Oldenburg/Flausen, Theaterfförderung – Kulturamt Frankfurt 2014 Project and travel grant New York Friedrich Ebert Stfiftung, Film Screenplay grant, Hessische Filmförderung (HFF) 2013 Bodensee Art Fund residency, 2012 grant of Institut für Alltagsforschung, Hessischer Film Award Feature Film Nominée and Medienboard Berlin First Steps 2012 Nominée, 2011 Residency at Theater Mannheim, intern. Summeracademy Salzburg, scholarship city of Salzburg, Invitation of Rijksakademie, Amsterdam, Art Award Frankfurter Künstlerhilfe, 2010 2nd Theater Award Theater Augsburg, Schrankstipendium, Offenbach, 2009 German Film Award Exp. Film Nominée.

Image: Opening der Einzelausstellung "UNFINISHED ADVENTURES WITH HAPPY END" beit Art von Frei mit JOS DIEGEL, Fotografie: Stephanie Wächter

DIE AVANTGARDE IRRT SICH GEWALTIG

Ludwig Seyfarth

Wenn man Jos Diegels Kunst das erste Mal begegnet, mögen die sinnliche Fülle, der verschwenderische Umgang mit der Farbe und die Spontaneität seiner malerischen Gesten darüber hinwegtäuschen, wie intensiv der Künstler über seine Rolle in der Gesellschaft und das Verhältnis von Kunst und Politik nachdenkt. Diegels Malerei springt zunächst am direktesten ins Auge, doch die Spannbreite der von ihm eingesetzten Medien ist groß. Sie reicht über Film, Fotografie, Performance bis hin zu Theaterstücken, die der Künstler selbst schreibt und inszeniert.

Texte tauchen auch fast überall auf den gemalten Bildern auf, direkt mit Farbe groß und bewusst ungelenk draufgeschrieben. Sie mögen wie programmatische Statements wirken, sind jedoch kaum wörtlich zu nehmen. Mit den zitierten oder von ihm selbst ersonnenen Aussagen und Sätzen rekurriert Diegel häufig auf abgegriffene Klischees und Vorstellungen, meist das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft betreffend.

„She has good legs, but she cannot paint“ etwa nimmt sexistische Vorurteile gegenüber Künstlerinnen aufs Korn, die nicht wie männliche Malschweine durch das Schwingen des Pinsels auf die eigene sexuelle Potenz verweisen. Auch Diegels Filmtitel „Größere Leinwände, längere Hälse“ könnte in diesem Sinne verstanden werden, auch wenn er zunächst auf das Verhältnis von Filmleinwand und Körpergröße des Zuschauers anspielt und Margaret Thatchers Ausspruch „größere Käfige, längere Ketten“ paraphrasiert. Dieser Slogan zur Stillstellung von Protestbewegungen ist längst zum T-Shirt-Spruch avanciert. Dass jedwede politische Aussagen „entwendet“ und irgendwo anders, auch entgegen ihrem ursprünglichen Sinn, wieder eingesetzt werden, ist gleichsam der Stand der Dinge, auf dem Diegels Umgang mit Sprache wesentlich basiert. Wie zeitgemäß das ist, hat nicht zuletzt der Wahlsieg Donald Trumps überdeutlich gezeigt: Politische Aussagen und Medienentertainment sind kaum noch voneinander zu unterscheiden.

Während etwa Jonathan Meese seine oft auch in Bilder hineingeschriebene Aussagen durch iterative Wiederholung bewusst entleert, dabei die „Diktatur der Kunst“ ausruft und das offenbar nicht ironisch meint, stellt Diegel das, was er scheinbar verkündet, immer wieder doppelbödig in Frage. So haben viele Bilder schon durch das mehrfache Übermalen und Überschreiben rein physisch mehrere Ebenen. Oder Diegel übermalt andere Bilder, die er etwa auf dem Flohmarkt gefunden hat. Und bei einer umfangreichen Serie kleinerer Formate besteht der Malgrund aus T-Shirts, die der Künstler früher einmal getragen hat.

Das Darunterliegende wird konterkariert oder einfach nur negiert, wie bei Sprayern und Graffiti-Künstlern, zu deren Kreationen zumindest äußerlich oft eine große Nähe besteht. Diegel gehörte selbst nie zu dieser Szene. Seine Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum findet in der Kunst und in der Auseinandersetzung mit der Künstlerrolle statt; er ist kein Aktivist, aber: „Ich mag Kunstwerke, die als Barrikaden dienen können“.

Dieser Satz, groß auf ein Bild geschrieben, erinnert an ein mit künstlerischer Aktivität unmittelbar verbundenes Politikverständnis, wie es beispielsweise die Situationistische Internationale um Guy Debord kennzeichnete. Dada, Surrealismus, Situationismus und Lettrismus sind die vier Bewegungen des 20. Jahrhunderts, denen der Künstler sich am stärksten verbunden fühlt und die er in einer Art Brettspiel gegeneinander antreten lässt: Die wie beim Scrabblespiel einzeln zusammensetzbaren Buchstaben können auch bewusst „falsche“ Worte ergeben, wie im 1945 von Isidore Isou gegründeten Lettrismus, der auf der Herstellung sinnfreier Wortgebilde durch Umstellung der Buchstaben beruhte.

Jos Diegel sieht sich selbst in der bei den Situationisten und Lettristen weiterlebenden surrealistischen Tradition. Gelegentlich greift er jedoch auch weit ältere kunsthistorische Vorbilder auf. Als der Fotograf Volker Muth ihn für eine Porträtserie Frankfurter und Offenbacher Künstler ablichten wollte, schlug Diegel eine Inszenierung frei nach Jan Vermeers „Die Malkunst“ vor. Nur sitzt auf dem Foto das Modell – ein mit Diegel befreundetes ehemaliges Model – , an der Staffelei , während der unbekleidete Künstler die Position des Modells einnimmt. Danach entstanden weitere Bilder, auf denen Diegel fotografische Nacktinszenierungen bekannter Männer wie Yves St. Laurent oder Burt Reynolds frei nachstellt. Als Aktmodell gibt der Künstler jedoch seine Rolle nicht auf, sondern führt den (männlichen) Narzissmus des Künstlertums überdeutlich vor.

Auch hier überlagern sich verschiedene Ebenen, wenngleich nicht physisch oder sinnlich manifest wie bei den Gemälden oder mitunter bei den Filmen. So bemalt oder scratcht Diegel analoges Filmmaterial, oder bei dem in der Ausstellung gezeigten, mit dem fast wörtlichen Debord-Zitat „Boredom is counterrevolutionary“ betitelten Film macht das Rauschen eines Wasserfalls die von den Darstellern gesprochenen Texte unhörbar, so dass man auf die Untertitel angewiesen ist. Aber entsprechen die Texte überhaupt dem, was die Personen sagen? Oder überlagern sich auch hier unterschiedliche Ebenen?

EINDEUTIGE ANTWORTEN LÄSST JOS DIEGELS KUNST NIRGENDS ZU. „WER EINE BOTSCHAFT HAT, DER SOLL SIE MIT DER POST VERSCHICKEN“, IN DEM FILM „KEIN HELDENTUM UND KEINE EXPERIMENTE“, KÖNNTE DANN ABER DOCH EINE AUSSAGE SEIN, IN DER SICH DIE INTENTION DES KÜNSTLERS ZIEMLICH UNVERBLÜMT AUSDRÜCKT.